EVANGELISCHE KIRCHENGEMEINDE HÄHNLEIN

Betrachtung

Pfrn Julia FrickeLiebe Leserinnen und Leser,

eine Studie der Universität Freiburg zur erwarteten Entwicklung der Kirchenmitgliedschaft sorgte in den letzten Wochen für Gesprächsstoff. Bis 2060 wird sich die Zahl der Mitglieder beider großer Kirchen in etwa halbieren. Ist heute noch circa jeder vierte Einwohner Deutschlands evangelisch, so ist es dann möglicherweise nur noch jeder achte. Bisher wurde dieser Trend überwiegend dem demographischen Wandel
angelastet. Das brachte für uns als Kirche ein Gefühl von Unausweichlichkeit mit sich.

Dagegen sagt die Freiburger Studie jetzt ganz klar: Fast zur Hälfte liegt der Schrumpfungsprozess auch an Kirchenaustritten und den weniger
werdenden Taufen von Kindern evangelischer Eltern. Diese Faktoren aber sind nicht unausweichlich. Hier können wir etwas unternehmen. Und das müssen wir auch, finde ich. Nicht zum Selbstzweck, weil wir als Kirche unbedingt viele sein wollen. Sondern um der Sache willen, jener
Sache, die wir an Pfingsten wieder in allen Gotteshäusern mit Festgottesdiensten feiern. Als Christen leben wir aus der Überzeugung, dass die
Kraft Gottes, sein Heiliger Geist diese Erde beseelen will. Gott will in uns und unter uns wohnen; er will, dass wir von seinem Geist gelenkt zusammenleben - nicht getrieben von Selbstsucht, Abgrenzung und Gier.

In der jetztigen Mitgliederkrise der Kirche scheint mir wichtig, dass wir uns nicht zu sehr einnehmen lassen von Marketingkonzepten, die aus der Wirtschaft abgeschaut sind. Vielmehr: Dass wir authentisch sind und selbst überzeugt von dem, was uns trägt. Wir müssen uns die ehrliche Frage stellen: Warum möchten wir, dass Kirche ihren Platz behält in der Gesellschaft? Was bringt der christliche Glaube einem Menschen von heute?

Ich selbst könnte mir mein Leben nicht vorstellen ohne Glauben, ohne das Bezogensein auf Gott - das große Du, mein Lebensgegenüber, an das
ich mich richten kann mit Dank, Fragen und Klagen. Ansehen und Würde nicht aus mir selber schöpfen zu müssen, sondern als von Gott geschenkt zu erfahren, dieses Glück möchte ich mit anderen teilen.

Auch unser Evangelisches Dekanat Bergstraße sieht das so und setzt mit dem Tauffest am Bensheimer Badesee am 25. August der Negativstimmung etwas entgegen. In den 44 Gemeinden des Dekanats leben derzeit über 4000 Kinder evangelischer Eltern (oder eines evangelischen Elternteils), die noch nicht getauft sind. Alle diese Familien wurden von Dekan Arno Kreh und den Ortspfarrern angeschrieben und zur Taufe eingeladen. In Hähnlein haben wir fast 70 solche Briefe verschickt. 70 potentielle neue Gemeindeglieder. 70 junge Menschen, deren Leben durch den Glauben an Gottes Liebe reicher werden könnte.

An Pfingsten beten wir darum, dass der Geist Gottes viele Herzen erfasst, sie zu neuen Denk- und Sichtweisen bewegt. Wir beten auch um die Einheit der Kirche. Und wer weiß: Vielleicht bringt uns die Krise an diesem Punkt ja sogar vorwärts. In einem Interview zur Freiburger Studie las ich
auf die Frage, wie der Verlust an Mitgliederzahlen die Kirchen verändern könnte, folgende Antwort:

„Es wird dazu führen, dass alle Christen gleich welcher Konfession gemeinsam sprechen, um Relevanz zu haben; ob das ein Verlust ist, wird sich zeigen."

Der Mut zur Veränderung jedenfalls war von Anfang an ein Wesensmerkmal der Kirche Jesu Christi. Immer wieder hieß es und wird es auch in
Zukunft heißen: Vergangenes hinter sich lassen, aufbrechen, Neues wagen, Gott vertrauen. Das ist Pfingsten!

Ob Sie selbst zu einer Kirche gehören oder (noch) nicht: Ich wünsche Ihnen allen frohe Pfingsten mit Zeit für sich und füreinander und der Erfahrung, dass der Geist der Erneuerung auch in Ihr Leben Einzug hält.

Herzlich grüßt Ihre Pfarrerin

Julia Fricke

Kirche im Umbruch
Titelbild der Freiburger Studie „Kirche im Umbruch"

© 2018 Evangelische Kirchengemeinde Hähnlein
Letzte Änderung: 16.06.2019