EVANGELISCHE KIRCHENGEMEINDE HÄHNLEIN

Betrachtung

Liebe Leserin, lieber Leser,!

In meiner Heidelberger Studienzeit führte mein Weg immer wieder an einem Haus vorbei, auf dessen Wand folgender Text aufgesprüht war: „Herr Staeck, sie sind blass geworden." Anscheinend hatte auch Herr Staeck dies gelesen und als Antwort dazu gesprüht: „Die Zeiten sind auch danach." (Seit Anfang der 1970er Jahre war Klaus Staeck zum Beispiel als Grafiker im Bereich der Politsatire tätig).

Diese beiden Sätze kamen mir bei einer Unterhaltung mit einem älteren Gemeindeglied in Erinnerung, als wir über ‚Gott und die Welt‘ sprachen, und auch unsere Gegenwart näher ins Visier nahmen. Der Blick auf die Gegenwart ließ so manche dunkle Wolke aufziehen: die allseits um sich greifende Bereitschaft zur Aggression - ob in manchen Ländern der Erde oder unter uns in den Häusern, den Schulen oder auf den Straßen. Irgendwie hat man das Gefühl, dass wir uns gegenseitig ständig im Weg sind. Im Weg sind anscheinend manchen Autofahrern die Radfahrer, die sie in ihrem Fortkommen behindern. So können Fußgänger wiederum den Radfahrern gerade in sogenannten Fußgängerzonen im Weg sein, Leute mit Kinderwagen den Fußgängern, und so weiter. Welche Atmosphäre kann sich hieraus ergeben, wenn wir uns anscheinend alle im Wege sind, uns alle irgendwie stören? Im Refrain eines Schlagers aus den zwanziger Jahren hieß es damals:

„Es liegt in der Luft eine Sachlichkeit,
es liegt in der Luft eine Stachlichkeit,
es liegt in der Luft, es liegt in der Luft, in der Luft!
Es liegt in der Luft was Idiotisches,
es liegt in der Luft was Hypnotisches,
es liegt in der Luft, es liegt in der Luft, in der Luft,
und es geht nicht mehr raus aus der Luft!
Weg mit Schnörkel, Stuck und Schaden!
Glatt baut man die Hausfassaden!
Morgen baut man Häuser bloß,
ganz und gar fassadenlos...
Fort, die Möbel aus der Wohnung.
Fort mit was nicht hingehört.
Wir behaupten ohne Schonung:
jeder Mensch, der da ist, stört."

Soweit ein Auszug aus dem Titelsong der Schiffer-Spoliansky-Revue "Es liegt in der Luft"

Wenn wirklich jeder Mensch, der da ist, stört, steigt die Gefahr von Konflikten. Wer aber dieses Gefühl von Stachlichkeit, das in dem Lied beschrieben wird, in die Luft gesetzt hat, lässt sich nicht klären, es scheint plötzlich da zu sein und scheint um sich zu greifen.

Im Neuen Testament entdecke ich einen Hinweis, die Zeichen der Zeit zu erkennen und sich dementsprechend zu verhalten. So schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Ephesus: „So achtet nun genau darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus. (Epheser 5, 15f). Es gibt Zeiten, in denen kann man nicht die Welt verändern, so gerne man es auch tun möchte. Auch die große, weltweite und allumfassende Kirche hat diesem Wort von Paulus nach wohl nur einen Weg, etwas zu verändern: den der kleinen Schritte.

Diese kleinen Schritte beginnen nicht bei den anderen, sondern bei mir selbst. Die Aufforderung, genau darauf zu achten, wie wir unser Leben führen, lässt einen jeden von uns in einen Spiegel schauen um zu erkennen, wie es denn mit unserem Verhalten anderen gegenüber steht. Ist mir der andere im Weg, ist er mir hinderlich in meinem Fortkommen, oder kann ich ihn sehen als Geschenk, als Geschöpf Gottes, mir zur Seite gestellt? Wie wird die Antwort ausfallen? Vielleicht gibt es zunächst gar keine Antwort, doch die Frage wird uns nachdenklich machen dahingehend, inwiefern ich selbst zur Stachlichkeit dieser Welt und meiner Umgebung beitrage. Gott jedenfalls hat es für uns Menschen anders vorgesehen.

Und das wissen wir. Und denen, die es nicht wissen, dürfen wir es behutsam vorleben.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Zeit

Ihr


Pfr. Horst Seyberth

© 2018 Evangelische Kirchengemeinde Hähnlein
Letzte Änderung: 08.09.2016