EVANGELISCHE KIRCHENGEMEINDE HÄHNLEIN

Betrachtung

lutherEin feste Burg ist unser Gott

Liebe Leserin,
lieber Leser,

viele kennen den oben zitierten Anfang eines Liedes von Martin Luther und verbinden es direkt mit dem Reformationstag. Unsere Konfession gedenkt mit dem 31. Oktober der Reformation der römischen Kirche im angehenden sechzehnten Jahrhundert. Manche Theologen und Denker sind hier zu nennen, uns steht in der Regel der Name Martin Luther vor Augen. Als Person wird er uns landläufig gezeigt als der Mann des Widerspruchs, als der einzelne Kämpfer gegen viele Widersacher - betrachten wir hierzu einmal die kleine Statue im Eingangsbereich unserer Kirche.

An manchen Stellen seines Lebens mag das so stimmen, im Großen und Ganzen ist es aber ein Zerrbild. Sein Denken und Handeln im
Blick auf die Kirche ist gewachsen in der Gemeinschaft mit seinen Mitbrüdern, mit denen er gemeinsam gebetet, Gottesdienst gefeiert, gegessen, gearbeitet und um Almosen gebeten hat. Aus der immerwährenden Begegnung mit der Heiligen Schrift in den Stundengebeten, aus der Meditation darüber und im Studium der Theologie, schärfte sich sein Blick auf das Wesen der Kirche. Dadurch trat er ein in die Diskussion mit theologischen Freunden und Lehrern, die auf dem Boden von Unzufriedenheit und Ärger über die Institution und den betriebenen Machtmissbrauch durch diese Instanz befördert wurde. Zu Beginn standen bei allen Reformatoren nicht die Antworten, sondern die Fragen, die sie gegenüber dem Erscheinungsbild der Kirche hatten. Erst darauf wuchsen Entscheidungen und Vorgehensweisen, Gedanken für eine ‚Überarbeitung der Institution Kirche‘. Einer der Gedanken Augustins, dem Vater seines Ordens, war:

Bedenke: Ein Stück des Weges liegt hinter dir, ein anderes Stück hast du noch vor dir. Wenn du verweilst, dann nur, um dich zu stärken, aber nicht um aufzugeben. Diesen Gedanken hatte Martin Luther wohl für sein späteres Leben in der Weise verinnerlicht, dass er in den Sachen des Glaubens, geleitet durch die Heilige Schrift, sich durch nichts beirren ließ.

In dieser Weise konnte er auch das zu Beginn zitierte Lied nach dem 46. Psalm dichten: Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. (Psalm 46,2). Dichtungen, Lieder, haben immer einen Hintergrund, einen Anlass. So auch hier für Luther: In die Zeit der Entstehung des Liedes um 1527 fielen zum Beispiel der Märtyrertod eines englischen Mönches, die Auseinandersetzungen mit den „Papisten in Rom" und den „Schwärmern", wie auch die lebensbedrohliche Niederkunft seiner Frau, eine schwere Erkrankung Luthers selbst, und Depressionen - also Bedrohungen von innen und außen, an Leib und Seele, bei Glauben, Lehre und Leben. Damit ist es nicht ein Lied gegen „irgendetwas", wie etwa eine andere Gruppe der großen Kirche, sondern vielmehr ein Lied des Vertrauens gegenüber dem, der uns Zuversicht und Stärke gibt, um Schwierigkeiten zu überwinden.

An dieser Stelle möchte ich die Aussage eines alten Küsters einfügen - er sprach von der Zeit um 1920 - der mir erzählte „Bei Pfarrer V.
haben wir das Lied stehend gesungen." Hier wird eines der Missverständnisse deutlich, denen dieses Lied immer wieder ausgesetzt war,
und die landläufig bekannte Melodie, die etwas marschmäßiges hat, leistete dem Ganzen noch Vorschub. Damit geht der große Spannungsbogen voller Schwung und Lebendigkeit, wie auch die sinnvolle Textbetonung, die die ursprüngliche Melodie aus Luthers Feder hat, verloren. Der Missbrauch zeigte sich besonders pervertiert zum Beispiel im Jahr 1942, als die Melodie im Film „Der große Krieg" als Nazi-Propaganda herhalten musste: „Das Reich muss uns doch bleiben", an dessen Spitze Hitler als „der rechte Mann" stand, „den Gott hat fest erkoren". Ich möchte an dieser Stelle auf den Abendgottesdienst am Sonntag, 30. Oktober hinweisen, in dem der Projektchor mitwirken wird und das Lied in seiner ursprünglichen Fassung vortragen will.

Martin Luther, römisch-katholischer Mönch, Priester, Theologe, Ehemann und Familienvater hat in einem unvorstellbaren Maß zu Veränderungen in der Kirche beigetragen. Mit seinem kritischen Blick auf das Gebaren einer Gemeinschaft, die sich als viele Kinder Gottes versteht, hat er auf das Wort Gottes, die Heilige Schrift hingeführt. Dies baut Gemeinde, und nicht der Event, nicht die religiöse Show, nicht eine bunte Aktion nach der anderen, die viel (Kirchensteuer-) Geld kostet. Gottes Wort ist kein „schnelles Wort", das wir kurz hören, um dann wieder unseren Verrichtungen nachzugehen, sondern es will, dass wir uns bei ihm sammeln, still werden und hören, damit es an uns geschehen kann und es unser Tun und Denken bestimmen kann. Gottes Wort nimmt unsere Zeit in Anspruch - so wie ich hoffe, dass sie mit Zeit und Geduld beim Lesen bis hierhin gekommen sind - damit wir in unserer Zeit Gott selbst in Anspruch nehmen als Zuversicht und Stärke, als Hilfe, unsere Not und Nöte bei uns selbst und in der Kirche zu überwinden.

Ihr

Pfr Horst Seyberth

Kirchturm und Taube

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Letzte Änderung: 12.11.2016