EVANGELISCHE KIRCHENGEMEINDE HÄHNLEIN

Betrachtung

Jesus sagt:
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein. Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben festhält, der wird es verlieren; und wer sein Leben loslässt, der wird es erhalten zum ewigen Leben.
Johannes 12, 24f

Liebe Leserin,
lieber Leser,

als unsere Kinder noch klein waren, sind wir oft an den gleichen Ort an der Nordsee gefahren. An der Straße kurz vor dem Ziel kommt man zwangsläufig an einem Friedhof vorbei, an dessen Tor eine Aufschrift steht: „Leben um zu sterben". Und ich dachte, gibt es denn außer dieser Tatsache, die ja niemand bezweifeln möchte, keine Hoffnung gerade für diejenigen, die mit ihrem Kummer und Schmerz an diesen Ort gehen? Weiß man gar nichts als Trost den Leuten mit zu geben, die hier ihre Lieben begraben haben und ohne sie wieder zurückgehen müssen? Irgendwann fuhren wir mit den Rädern in der entgegengesetzten Richtung an diesem Friedhof vorbei und mir fiel auf, dass der Satz, über den ich mich geärgert hatte, auf der zweiten Torhälfte weitergeführt wird, dort steht nämlich „Sterben um zu leben." Erst wenn das Tor dieses Friedhofes geschlossen ist, werden beide Sätze erkennbar, sie können dann zusammen gesehen, gelesen und bedacht werden.

Unsere christliche Hoffnung vom Leben nach dem Tod, dem ewigen Leben, ist hier widergespiegelt. Sie ist - bei aller Gewissheit - letztlich mehr ein Rätsel als ein Vorauswissen. Sie ist mehr ein Gleichnis, als Erkenntnis. Widersinnig ist das doch in sich: Tote sollen leben. Dass sie tot sind, daran zweifelt unser Glaube nicht. Doch nach dem Wort Jesu vom Weizenkorn -das sich zunächst durch das Dunkel in der Erde verändern lassen muss- gibt es kein neues Leben ohne das Ja zum Tod.

Wie schwer diese Wahrheit zu akzeptieren ist zeigt sich in den immensen Aufwendungen (auch finanziell) z.B. in der Forschung, mit verschiedenen Mitteln unserem Leben auch nur ein Jota mehr an Zeit zuzufügen. Sein Leben loslassen, sich nicht krampfhaft klammern an das, was wir haben und was uns irgendwann einmal genommen wird, das ist christliche Freiheit. Zwischen Leben und Sterben ist gar kein so großer Unterschied, wie wir zumeist denken. Wenn ein Mensch, den wir lieb hatten, stirbt, dann stirbt ein Stück von uns. Wir müssen lernen, es hinzugeben. Loslassen ist gewiss schwerer als festhalten.

Wenn Jesus sagt: „Wenn das Weizenkorn nicht stirbt, bleibt es allein", deutet er an dass wir die Gegenwart loslassen müssen, um die Zukunft empfangen zu können. Der Beter in Psalm 90 Vers 12 spricht: „HERR lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden."

Auferweckung der Toten - das ist nicht einfach eine Auskunft über das, was ‚nachher‘ kommt, sondern es zeigt an, was uns der Glaube schenken will, hier und jetzt und allezeit: „Wer sein Leben auf dieser Welt loslässt, der wird es erhalten zum ewigen Leben." Jh. 12

Ich wünsche ihnen eine gesegnete Zeit

Ihr

Pfr. Horst Seyberth

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Letzte Änderung: 08.12.2016